Warum ich als Tattoo Artist KI nutze - aber du kein KI-Tattoo bekommst
Vor etwa eine Woche berichtete die BBC über ein britisches Tattoo Studio und deren Nutzung von KI in einem Reel auf Instagram. Gezeigt wird auch eine Kundin, deren Tattoos auf ihrem Bein alle von KI gestaltet sind. Ich öffne die Kommentar-Spalte und lese die für mich vorgeschlagenen Kommentare. Viele Kolleg:innen stimmen meinem Gedanken, dass sich das, also das Generieren von Tattoo-Designs mit KI, nicht richtig anfühlt, zu.
Kann KI Tattoos entwerfen – oder zerstört sie Kunst?
Als kreativer Mensch und Tattoo Artist kann ich nicht persönlich nachempfinden, warum man Tattoo-Designs mit KI generiert - auch, wenn ich verstehe, das aus Kund:innenperspektive die eigene Idee schnell mal in ChatGPT, Gemini und anderen Modellen eingetippt oder sogar diktiert wird, um sich selbst ein Bild davon zu machen. Das ist quasi ein Pinterest-2.0-Tattoo-Design.
Wenn ich als Tattoo Artist diese Motive direkt so umsetzen würde, würde ich mich wie eine Pizzabäckerin fühlen, die Tiefkühlpizzen im Restaurant serviert.
KI-Modelle werden auf Basis von Daten, und damit auch Bildern von echten künstlerischen Werken von echten künstlerischen Menschen, trainiert. So erinnern sich viele bestimmt an die “Ghiblifizierung” jeglicher Familienfotos, Profilbilder oder Memes im März 2025 (hier mehr erfahren). Mittlerweile hat OpenAI eine Sperre in ChatGPT eingebaut, sodass mit einem simplen Prompt nicht mehr gewisse Stile, wie der des Studio Ghibli Schaffers Miyazaki, umgesetzt werden können. Dennoch werden und wurden die Modelle mit echter Kunst trainiert, mutmaßlich ohne das Einverständnis jeglicher Urheber:innen. Und so kann keine echte und neue Kunst entstehen. Was entsteht sind neue und neue Kopien alter Kunst und so folgt ein Werteverlust der bestehenden Werke und damit eine künstlerische Inflation.
Und wollen wir das wirklich? Für mich kann ich das definitiv mit einem großen NEIN beantworten.
Funfact: Miyazaki bezeichnete die Nutzung von KI in der Kunst übrigens selbst als Beleidigung gegenüber dem Leben.
Das Verzichten von der Nutzung von KI in der Kunst ist eine ethisch-moralisch motivierte Schutzhandlung und damit ein Schutz des kulturellen Erbes der Kunst, die unseren Seelen seit jeher ein Zuhause schenkt. Und wenn wir ehrlich sind: In unserer Gesellschaft werden wir in der Realität niemals die Möglichkeit haben, die Kunst vor der Einflussnahme von KI zu schützen. Wahrscheinlich wird sich unser Verständnis von Kunst in den nächsten Jahren zunehmend verändern. Vielleicht bekommt “KI Kunst” einen eigenen Begriff und integriert sich parallel als eigene Form neben anderen Kunstformen (wobei sich das beim Tippen dieser Zeilen schon nicht richtig anfühlt). Vielleicht verschwimmen irgendwann die Grenzen zwischen KI generierten Werken mit denen von menschengeschaffener Hand.
Vielleicht fühlt sich Kunst, dann nicht mehr an wie Kunst, sondern wie der graue Einheitsbrei, wie ihn die grauen Herren aus “Momo” immer wollten.
Aber vielleicht sollten wir als Menschheit auch einfach geschlossen die Kunst als unseren seelischen Schutzraum vor der Übernahme milliardenschwerer Tech-Konzerne schützen.
Wo ich dennoch die Nutzung von KI-Integrationen als Tattoo Artist sinnvoll finde
KI und Kunst, so habe ich aus den letzten Jahren für mich mitgenommen, geht für mich nicht konform. Aber was andere Solo-Selbstständige sicherlich nachempfinden können (vor allem die kreativen unter euch) ist, dass es so viele andere Aufgaben, die nichts kreatives beinhalten, gibt und unsere Energie fressen.
Die Nutzung von KI-Tools kann, darf und soll unser Arbeitsleben erleichtern. Life is expensive und das Rad muss sich drehen. Alles wird teurer und irgendwann will ich ein kleines Steinhäuschen in der Natur besitzen, morgens nackt in meinem Garten meine Pflänzchen und Tierchen umsorgen und meine Lebenszeit genießen. Aber letzteres möchte ich jetzt schon haben. Und dafür nutze ich Tools, die mir als Einzelperson Stunden an Arbeit oder viel Geld, das ich ansonsten für Spezialist:innen ausgeben möchte, ersparen. So kann ich mich auf das Wesentliche konzentrieren.
GaLiGrü, Lara
Über mich
Ich bin Lara, Tattoo Artistin mit Hauptstandort in Konstanz und Berlin. Als selbstständige Tätowiererin und Illustratorin verbinde ich Fineline und illustrative Tattoos mit Einflüssen aus Surrealismus, Jugendstil und Traditional. Ich gestalte KI-freie und individuelle Tattoos für alle meine Kund:innen. Außerdem habe ich die Canvas Tattoo Crew gegründet, ein Künstlerkollektiv mit Sitz in Konstanz. Wir sind ein queerfriendly Safe Space für alle Mäuse.
Mehr über meine Arbeit als Tattoo Artistin in Konstanz findest du hier.